Geschmäcker sind verschieden oder: Ruhe in Frieden…

„Die Neugierde der Kinder ist der Wissensdurst nach Erkenntnis, darum sollte man diese in ihnen fördern und ermutigen.“

(John Locke,englischer Philosoph, 1632 -1704)

Wir waren auf dem Weg nach Wuppertal, als die Nachricht, Dank moderner Technik,  Herrn Papa ereilte:

„Schatz,  Guido Westerwelle ist gestorben!?“

Ich muss sagen, dass uns diese Nachricht schon sehr erschreckt hat, aber wir hatten in dem Moment nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn Claralabim brauchte Antworten.
„Wer ist der Guido?“ Tja, wer war der Guido… Wie erklärt man einer dreijährigen, dass der Guido ein Mann war, der in der Politik tätig war? Es folgte aber gleich die nächste Frage: „Warum ist er denn gestorben?“  Er war sehr krank ; er hatte eine Krankheit, die heißt Krebs. Viele Menschen werden wieder gesund, wenn die Krankheit im Krankenhaus behandelt wird. Aber es sterben auch viele daran.
Ist das nun zu viel Information für eine dreijähriges Kind?  Ich bin mir manchmal unsicher bei dem Thema, aber mein Gefühl sagt mir „Sei ehrlich.  Druckse nicht drum herum. Mache kein Geheimnis draus.“  Ich glaube, eigene Unsicherheit und eigene Angst macht auch mein Kind unsicher und ängstlich.  Der Tod gehört zum Leben dazu… Ein Satz, den ich bei der Beschäftigung mit dem Thema in meinem beruflichen Kontext, oft lese, höre,  erlebe. Und dennoch darf einen das Versterben eines Menschen traurig und nachdenklich machen. Und so möchte ich es auch für Claralabim kommunizieren.
Sie fragte noch viele Fragen. Das Thema ist nicht neu für sie. Sie war vielleicht zwei einhalb als sie bei einem Gespräch mitbekam, dass ein Junge im Rhein ertrank. Sie wollte wissen, wer der Junge war. Wo er jetzt hinkommt. Und sie stellte fest, dass er sein Zimmer ja jetzt nicht mehr braucht. Und einkaufen muss er auch nicht mehr.  Solche Feststellungen und Gedankengänge lassen mich in diesen Situationen manchmal sprachlos daneben stehen. Diese Vorstellungen und Ideen von „Himmel“ und „Leben nach dem Tod“ sind wertvoll. Omas Hund ist auch gestorben. Wir beide kennen ihn nur aus Erzählungen und Bildern. Er ist nun im Hundehimmel. Der Junge, der ihm Rhein ertrank ist nun im Kinderhimmel. Guido Westerwelle wird mittlerweile im Menschenhimmel angekommen sein.


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Gestern waren Claralabim und ich in der Stadt. Wir waren auf der Suche nach einer Jacke, aber nichts konnte uns so recht überzeugen. Wie das weibliche Geschlecht ja dann aber oft so ist, schaut man auch mal nach Dingen, die da sonst noch so hängen. Ein Minni-Maus-Shirt zum Beispiel.

„Mama, das muss ich aber anprobieren!“

sprach sie und ging Richtung Kabine. Gesagt, getan. Sie schaut sich im Spiegel an.

„Hm, nee. Diese Punkte gefallen mir hier nicht. Das ist heute alles nicht mein Geschmack!“

sprach sie weiter, zog sich ihr Shirt wieder an und ließ ihre sprachlose Mutter in der Umkleidekabine stehen.

Auf der nächsten Etage sehe ich etwas auf dem Bügel hängen, dass meine Aufmerksamkeit erhascht. In der Umkleidekabine angekommen, setzt sich Claralabim auf die Bank und fängt an zu erzählen :

„Mama, der Guido war heute im Fernsehen. Er hatte eine Beerdigung und alle haben noch für ihn gesungen.“

Tatsächlich ist Guido Westerwelle gestern beerdigt worden und die Beerdigung wurde im Fernsehen übertragen. Herr Papa erzählte mir am Abend noch, dass Claralabim wissen wollte, ob er denn alles gepackt hätte und er antwortete, dass Guido im Himmel nichts braucht. Sie ging zum Fernseher und strich mit ihren Fingern über das eingeblendete Bild von Guido Westerwelle. „Armer Guido.“ sagte sie noch.

Zurück zur Umkleidekabine. Das Teil, was ich da anprobierte, sah auf dem Bügel fantastisch aus. An mir eher nicht.

„Gefällt dir das, Mama?
-Nee, irgendwie nicht.
Also mir auch nicht so.
-Wir hängen es wieder zurück.
Ja, ist nicht so unser Geschmack.“

In dem Moment fragte ich mich, was da eigentlich wann mit unserem kleinen Mädchen passiert ist?!  

Unser Mädchen, mit dem ich vor kurzem doch noch Bilderbücher angeschaut habe, wo zig Dinge abgebildet waren, die man benennen konnte. Wann haben wir denn das Buch über „guten und schlechten Geschmack“ angeschaut?
Und warum unterhalte ich mich auf einmal mit unserem Mädchen in einer Umkleidekabine über die Beerdigung von Guido Westerwelle?

Wo ist die Zeit hin und wie schnell vergeht sie doch… Und wieder einmal wird mir bewusst, wie wertvoll all diese Momente mit unserem Kind sind. Wie sehr wir sie in uns aufnehmen und bewahren müssen. Weil sie doch viel zu schnell vorbei sind. Und auf einmal wird sie erwachsen sein.

Aber vielleicht werden wir auch dann wieder in irgendeiner Umkleidekabine stehen und über jemanden sprechen, der verstorben ist, während sie mir klar macht, dass mein auserwähltes Teil auch nur auf dem Bügel gut aussieht und heute irgendwie alles nicht unser Geschmack ist. Dann wird sie mir raten, doch lieber eine Tasche zu kaufen. Eine Tasche geht doch immer 😉

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4 Gedanken zu “Geschmäcker sind verschieden oder: Ruhe in Frieden…

  1. Pingback: Über den Tod mit Kindern sprechen | Nanny Anny

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